SinnEntKopplung (3) - Schwarzes Loch in Köln


By Gebhard Borck - Posted on 22 Februar 2010

Die U-Bahn-Baustelle hat im vergangenen Jahr für unrühmliche Schlagzeilen gesorgt, als aufgrund von Baumängeln das Stadtarchiv einstürzte. Ging man damals noch von punktuellen Schlampereien aus, wird inzwischen ein ganz anderes Ausmaß ersichtlich.
In einem Interview im Deutschlandradio sprach Dirk Müller mit dem Präsidenten der nordrhein-westfälischen-Ingenieurkammer-Bau, Heinrich Bökomp. Herr Bökamp sieht hinter dem Pfusch kein organisiertes Verbrechen, wie andere es bereits proklamieren, sattdessen handle es sich um mangelnde Kontrolle.
Im Interview erklärt Herr Bökamp:
Bökamp: ...denn unser Sicherheitskonzept ist ein festgeschriebenes, über Jahrzehnte erprobtes und auch weltweit anerkanntes Sicherheitssystem.
... Einmal ist Sicherheit nur dann erzielbar, wenn sie auch kontrolliert wird, wenn, wir sagen immer, das Vier-Augen-Prinzip eingeführt ist und auch wirklich gelebt wird. Da hat hier sicherlich das eine oder andere versagt, dass eben derjenige, der ausführt, sich nicht überwacht gefühlt hat, oder zumindest nicht ausreichend überwacht gefühlt hat, denn wenn 80 Prozent einer Sorte von Eisen verschwinden, dann kann dort eine Überwachung nicht befürchtet worden sein.
... Einer baut und der, der baut, der hat im Grunde auch seinen Bauleiter. Der guckt zum ersten Mal hin, ob alles in Ordnung ist. Wenn das so ist, dann benachrichtigt er eigentlich eine unabhängige Person, ... der als Unabhängiger zum Schluss noch mal stichprobenhaft überprüft, sind alle Eisen eingebaut, ist vor allen Dingen so gebaut, wie auch in den geprüften Plänen genehmigt wurde. Erst wenn der die Freigabe erteilt, darf betoniert werden.
Müller: Wenn ich jetzt richtig mitgerechnet habe, ist es ein Sechs-Augen-Prinzip?
Bökamp: Wenn Sie den Arbeiter selber, der die Arbeit macht, dazunehmen ...


Frage: Warum erkennt ein Arbeiter, der offensichtlich 80% des Eisenbestandteiles aus dem Beton heraus lässt, um ihn auf dem Schrott zu verkaufen nicht, dass er damit die Betonwand derart schwächt, dass sie praktisch einstürzen muss?
Antwort: Weil er sein Hirn ausgeschaltet hat!

Frage: Warum greift die vorgegebene Kontrolle nicht, die dafür sorgen muss, dass der Bau auch dann sicher ist, wenn der Arbeiter sein Hirn ausgeschaltet lässt?
Antwort: Weil die anderen auch ihr Hirn ausgeschaltet hatten!
Aus dem Blickwinkel der Sinnkopplung heraus ist in Köln etwas ganz alltägliches passiert. Jeden Tag verhalten wir uns so auf Arbeit. Natürlich nicht immer mit diesen dramatischen Auswirkungen und doch häufig genug. Sind Sie jemand oder kennen Sie jemanden, der ein eigenes Haus gebaut hat? Überlegen Sie mal oder fragen Sie nach,, wie oft solche Unachtsamkeiten vorgekommen sind. Jetzt unterstellen wir noch nicht einmal kriminelle Energie, die den Schaden sicherlich vervielfacht. Gehen wir einfach davon aus, dass jemand augenscheinliche sein Hirn ausgeschaltet hat, bevor er angefangen hat zu arbeiten. 
Im Interview wird die kritische Frage im Bezug auf Sinnkopplung von Herrn Müller gestellt: »..., ist es ein Sechs-Augen-Prinzip?«. Diese Frage zeigt, dass es gar nicht darauf ankommt, wie viele kontrollieren. Es kommt darauf an, dass irgend jemand auch anfängt zu denken!
Es geht hier nicht um feinere Kontrollen, um mehr Kontrolleure, um die (NIcht)Einhaltung von Vorschriften, um Betrug usw.. Es geht darum, dass dem Arbeiter im Moment seines Handelns gar nicht klar war, was für Auswirkungen er lostreten kann, je nachdem ob er seine Arbeit richtig macht oder eben nicht. So wie ihm sein kulturelles System es vorgibt -Das elfte Gebot: Du darfst Dich nicht erwischen lassen!- hat er gehandelt. Seine mangelnde Kenntnis des Gesamtprozesses, sein vermutlich eher mal karger Lohn, seine Gier oder die Gier seiner Kollegen, die offensichtliche Entkopplung der Prüfer, das alles kommt zusammen und schwupp, fällt das Kölner Stadtarchiv und zittert ein kompletter Stadtteil vor dem zu erwartenden Frühjahrshochwasser.

Was ist die Reaktion darauf?
Der Bauarbeiter wird vermutlich angezeigt und verurteilt. Die unaufmerksamen Ingenieure( Kontrolleure werden gerügt. Das Bauunternehmen erhält einen Zusatzauftrag, der sich gewaschen hat und die Vorschriften werden vom Vier-Augen-Prinzip auf das Zwölf-Augen-Prinzip aufgebohrt. Damit werden 3.000 neue Stellen in der öffentlichen Verwaltung geschaffen. Und, in nicht einmal zwei Jahren passiert genau das Gleiche an anderer prominenter Stelle wieder.

Warum?
Weil offensichtlich keiner erkennt, dass die Lösung nicht im System liegt, sondern in einem Systemwechsel.

Beste Grüsse
Gebhard Borck

Das gesamte Interview und weiter Informationen gibt es hier zum nachlesen und nach hören:
Suchergebnisse "Kölner U-Bahn" bei Deutschlandradio

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